Jugendwerk fördert Rettungsengel

Pressebericht in der Ostfriesen Zeitung:

Ostfriesen Zeitung (Von Susanne Ullrich)

Im Angesicht der Krise wuchs ein 27-Jähriger über sich hinaus

Am Donnerstag kollidierten eine Nordwestbahn und ein Lastwagen zwischen Jever und Wittmund. Fahrgast Stefan Distel versorgte einen Schwerverletzten. Erste-Hilfe-Ausbilder Jurij Ils hatte ihm vor mehr als 15 Jahren das Rüstzeug dafür vermittelt.

Wittmund – Stefan Distel ist am vergangenen Donnerstagnachmittag in seinen Gedanken schon im Feierabend. Doch von einer Sekunde auf die andere ist der vergessen und der junge Mann wächst über sich hinaus. Er ist Ersthelfer an einer Unfallstelle und rettet durch sein schnelles Eingreifen möglicherweise einem Anderen das Leben. Obwohl er weder Arzt noch Sanitäter ist, weiß der 27 Jahre alte Wittmunder eins genau: „Die ersten Sekunden nach einem Unfall sind die entscheidenden.“ Denn das hat er bereits im Alter von zehn, elf Jahren von Erste-Hilfe-Ausbilder Jurij Ils beim Jugendwerk in Wittmund gelernt.

Mit der Nordwestbahn fährt Distel am Donnerstag von seinem Arbeitsplatz beim Online-Versandhändler Amazon in Roffhausen von Schortens nach Hause. Kurz hinter Jever wird ihm auf offener Strecke plötzlich klar, dass dieser Tag anders ist: „Links sehe ich, wie sich auf dem Feldweg ein Lastwagen nähert“, schildert er unserer Zeitung noch ganz unter dem Eindruck der Erlebnisse an der Unfallstelle. Der Kipplaster habe sich den Schienen genähert. „Aber der Zug hat nicht gebremst.“ Er habe noch wahrgenommen, dass das schwere Fahrzeug bremste. Jedoch zu spät.

Zug schleudert LKW weg, als sei der „aus Pappe“

Es kommt zu einem Zusammenprall mit dem Triebwagen. „Der Zug hat den LKW weggeschleudert, als ob der aus Pappe wäre“, erinnert sich Distel. In seinem Kopf hat er zu diesem Zeitpunkt bereits das nächste mögliche Szenario erdacht: „Ich habe damit gerechnet, dass der Zug entgleist.“ Dazu kommt es nicht. Die Bahn kommt schließlich mit einer demolierten Tür im Vorderbereich zum Stehen. Daraufhin habe Stefan Distel zunächst im Zug herumgeschrien, ob jemand verletzt sei und Hilfe brauche. Danach galt Distels Sorge dem Kipper-Fahrer. „Ich wusste, dass da jemand ist, der meine Hilfe braucht.“ Er habe sich durch die kaputte Tür nach draußen gezwängt und nach dem Mann Ausschau gehalten. „Das Führerhaus sah schlimm aus. Der Fahrer lag im Graben.“

Der Bewusstlose hatte dem Eindruck Distels zufolge Probleme mit der Atmung und eine Kopfverletzung. „Aus seinem Kopf kam ganz viel Blut.“ Eine Joggerin sei ihm zu Hilfe gekommen und habe die Rettungskräfte alarmiert. Ein Kollege des Verletzten brachte Erste-Hilfe-Ausrüstung. Distel habe einen Druckverband angelegt, so, wie er es schon als Elfjähriger gelernt hat. Nach Minuten waren viele Rettungskräfte da. Auch ein Rettungshubschrauber. Es waren nur Minuten – Distel aber seien sie wie eine Ewigkeit vorgekommen, schildert der noch ganz unter dem Eindruck des Unfalls. Sein letzter Stand sei der, dass der Mann im Koma liege.

Angst hält viele davon ab, zu helfen

Die Einsatzkräfte übernehmen die Versorgung des Mannes. Ein Seelsorger kümmert sich um die Personen im Zug. Zehn Fahrgäste seien neben Distel in der Bahn gewesen. Ein Bus bringt sie anschließend nach Wittmund. Distel lehnte ein Gespräch mit dem Seelsorger ab – Er kontaktierte stattdessen Jurij Ils. Die Männer stehen bis heute in Kontakt. Distel arbeitet ab und zu an Jugendwerk-Projekten mit. Distel muss reden, das Erlebte verarbeiten. Das Gespräch lässt aber auch Wut aufsteigen. „Keiner ist ausgestiegen“, moniert er. „Ich war auch im Schock. Aber ich habe die Angst überwunden, weil der Mann Hilfe brauchte.“

„Die Angst, etwas falsch zu machen, ist das größte Problem“, weiß Jurij Ils. Aus seiner Sicht ist ein früher Kontakt zur Ersten Hilfe möglichst schon im Kindesalter und die regelmäßige Auffrischung der Kenntnisse der beste Weg, um solche Hemmungen abzubauen. Er organisiert für das Jugendwerk Arbeitsgemeinschaften an Schulen oder Ferienpass-Aktionen an. „Die Kinder behalten das“, berichtet er aus zahlreichen Rückmeldungen. Im vergangenen Sommer beispielsweise habe einer seiner ehemaligen Schüler eine Person vor dem Ertrinken gerettet. Wer sich schon einmal mit der Situation als Ersthelfer auseinandergesetzt habe, reagiere seiner Erfahrung nach im Ernstfall besonnener. Stefan Distel zumindest ist fest davon überzeugt, dass das bei ihm so war: Er hatte solch eine Situation geübt und damit das notwendige Selbstvertrauen. Jugendliche, die erst spät einen Pflichtkurs in Erster Hilfe machen, hätten Ils zufolge oft Berührungsängste. „Wenn die schon nicht die Puppe anfassen wollen, wie sollen die dann echten Menschen helfen?“, fragt er.

 

Situationen wiederholen und Kurse auffrischen

„Man hofft ja immer, dass man das Erste-Hilfe-Wissen nie braucht“, erklärt Ausbilder Ils. Er selbst habe 1984 seinen ersten Kurs belegt, nachdem er zufällig Ersthelfer wurde. Der Sozialpädagoge rät zudem dazu, alle zwei Jahre das Wissen aufzufrischen, da viele einzelne Dinge dann schon wieder vergessen hätten. „Ich empfehle außerdem, zu Hause zu üben und Situationen durchzuspielen.“

Kommt es dann zum Ernstfall, sei es wichtig, überlegt zu handeln. Kurz die Lage einschätzen. „Die eigene Sicherheit ist das A und O“, unterstreicht Ils. „Wenn jemand Hilfe braucht, muss man überlegt handeln.“ Dank der Tatsache, dass heute jeder immer und überall ein Mobiltelefon dabei habe, kann jeder helfen – auch ohne Kenntnisse in Erster Hilfe. „In der Leitstelle sitzen Fachleute.“ Die führten den Anrufer Schritt für Schritt durch die Situation, versichert Ils. Die wüssten genau, worauf es ankommt. „Handeln und Hilfe holen ist gut. Hilfe leisten ist natürlich der Idealfall.“

Jurij Ils postet noch am Donnerstag im Anschluss an sein Gespräch mit seinem ehemaligen Schützling Distel auf Facebook dessen Fotos von der Unfallstelle und schreibt eine kurze Schilderung dessen, was der 27-Jährige dort erlebt hat: https://www.facebook.com/jurij.ils. Das Jugendwerk sei stolz auf seinen Schüler. Ein Eintrag, der mittlerweile vielfach geliked, geteilt und kommentiert wird.

 

Stefan Distel beim Erste-Hilfe Kurs mit Jurij Ils (2004)

 

 

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